Gedanken am Sonntag Lätare

Da stehen sie, die Ärzte und das Pflegepersonal der Klinik in Wyk auf Föhr. Sie halten Plakate mit ihrer Botschaft hoch: »Wir bleiben für Euch da – bleibt Ihr für uns Zuhause«. Da sitzt sie an der Kasse, die Mitarbeiterin im Supermarkt und sucht Schutz hinter einer provisorisch angebrachten Plastikfolie. Da versammeln sich die Trauernden im engsten Familienkreis, um auf dem Friedhof unter freiem Himmel Abschied von ihren Lieben zu nehmen.

Wir sind in diesen Tagen aus unserem gewohnten Alltag herausgefallen. Was für uns zur täglichen Routine gehörte ist nun unterbrochen und es ist noch nicht absehbar, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Was sich für den einen wie Entschleunigung anfühlt, erleben andere als harte Belastungsprobe. Für die einen scheint die Zeit irgendwie stehen geblieben zu sein, für andere muss es jetzt schnell gehen beim Aufbau einer medizinischen Infrastruktur, bei den finanziellen Hilfeleistungen etc.

Wir leben in einer Zeit des Dazwischen. Zwischen dem verlorengegangen Alltag und der hoffentlich bald zurückkehrenden Normalität. Diese Zeit des Dazwischen steckt voller Widersprüche. Ein Minister für Tourismus, dessen wesentliche Aufgabe darin besteht, den Tourismus zu unterbinden. Eine Kurverwaltung, die dafür wirbt, dass Tagesgäste bitte wegbleiben – beides scheint genauso widersprüchlich zu sein wie die Aufforderung, Abstand zu halten und zugleich den Zusammenhalt zu wahren. Möglichst auf Sozialkontakte zu verzichten und trotzdem füreinander achtsam zu bleiben. Dennoch ist es das Gebot der Stunde, an die Vernunft und Besonnenheit jedes einzelnen zu appelieren. Wir alle stehen vor der Aufgabe, aus dieser Zeit des Dazwischen das Beste zu machen.

In der Mitte der Passionszeit liegt der heutge Sonntag, der mit seinem lateinischen Namen »Lätare« – Freut euch, nicht in diese Zeit hineinzupassen scheint. »Freut euch – allem Leiden zum Trotz!« Freuen – warum? Es ist ein Sonntag des Dazwischen: zwischen dem Ernst der Passion und der Vor-Freude auf Ostern, zwischen Bedrängnis und Trost oder um den Wochenspruch aus dem Johannesevangelium aufzunehmen: zwischen dem Tod des Weizenskorns und der Frucht, die aus diesem Tod erwächst. (»Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.« Johannes 12, 24)

Wenn man der Zeit des Dazwischen etwas Gutes abgewinnen will, so lässt sich ein Gedanke von Matthias Claudius anführen. Es schreibt: »Auch bedarf der Mensch, der gewöhnlich sein Leben in Zerstreunung und Leichtsinn vor sich hin lebt und immer voraneilt, ohne zu wissen, was ihn eigentlich treibt und was er eigentlich will, in seinem Laufe von Zeit zu Zeit angehalten und zu sich selbst zurückgeführt zu werden; er bedarf eines Steins am Wege, auf den er sich hinsetze und in sein vergangenes Leben zurücksehe.« (Matthias Claudius 1740 – 1815)

Geplant war heute Abend um 18 Uhr in unserer Jugend- und Familienkirche ein Gottesdienst mit kleinen filmischen Beiträgen der Konfirmanden zu ihren ausgewählten Konfirmationssprüchen, um die Vor-Freude auf das Fest der Konfirmation zu wecken. Der Gottesdienst muss aufgrund der aktuellen Situation entfallen und auch die für den 19. April geplante Konfirmation wird verschoben auf den 6. September. Dennoch werden wir zu den Gottesdienstzeiten die Glocke läuten und die Kirche in den nächsten Tagen unter der Woche möglichst zum stillen Gebet offen halten. Wer mag kann eine Kerze entzünden und seine Fürbitte, sein Gebetsanliegen auf eine Karte schreiben und diese in unseren »Gebetsbaum« hängen.

Bleiben Sie behütet!

Pastor Hans-Joachim Stuck